Offener Brief für eine gesellschaftlich relevante und zukunftsorientierte Lehre und Forschung am D-USYS

Offener Brief für eine gesellschaftlich relevante und zukunftsorientierte Lehre und Forschung am D-USYS

Sehr geehrte Prof. Dr. Nina Buchmann, Vorsteherin des Departements Umweltsystemwissenschaften (D-USYS), 
sehr geehrter Prof. Dr. Bernhard Wehrli, Studiendirektor Umweltwissenschaften,
sehr geehrte Prof. Dr. Susanne E. Ulbrich, Studiendirektorin Agrarwissenschaften, 
sehr geehrte Unterrichtskommission AGRW und UMNW,
sehr geehrte Strategische Planungskommission,
sehr geehrte Professorenkonferenz

1. Wir fordern eine gesellschaftlich relevante und zukunftsorientierte Lehre und Forschung

Eine vielfältige und zukunftsorientierte Lehre und Forschung ist zentral, um effektive Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen zu finden. Weil unser Wirtschaftssystem an sich Krisen verursacht und in der Pandemie speziell verschärft, muss sich die universitäre Lehre und Forschung kritisch damit auseinandersetzen. Das fordern wir Studierende, Doktorierende, ETH-Angehörige und Interessierte mit diesem Brief, in der Überzeugung, dass dies auch dem Anspruch der ETH entspricht, die relevanten wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurse unserer Zeit mitzugestalten. 

Die multiplen, mit dem Klimawandel verbundenen Probleme, erfordern systemisches Denken. Was wir oft als Umwelt, Soziales und Ökonomie verstehen, muss unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Machtstrukturen zusammen gedacht werden. Zwei prominente Forschungsgebiete, die diese vernetzte Analyse bieten können, sind die Postwachstumsökonomik und die Politische Ökologie. Erstere setzt sich kritisch mit den ökologischen und sozioökonomischen Folgen von Wirtschaftswachstum und möglichen Alternativen auseinander. Das zweite, breitere Forschungsgebiet beschäftigt sich mit den Auswirkungen von sozialer Ungleichheit und Machtverhältnissen auf Mensch-Umwelt Beziehungen. Themen der Politischen Ökologie sind zum Beispiel Klimagerechtigkeit und Öko-Feminismus, wo die Verteilungs- und Machtperspektive auf spezifische Problemstellungen angewandt wird. Doch wer sich mit dem Lehrangebot und den Forschungsschwerpunkten der ETH auseinandersetzt, muss feststellen, dass diese zwei Forschungsgebiete nicht oder nur ungenügend vorhanden sind.

2. COVID-19 als Katalysator für bestehende Krisen

Die aktuelle Gesundheitskrise führt uns die Probleme unseres Wirtschaftssystems verstärkt vor Augen. Bestehende Ungleichheiten verschärfen sich, denn nicht-privilegierte Gesellschaftsgruppen sind etwa besonders hart von den Folgen der Pandemie betroffen1,2. Die Krisenhaftigkeit unseres Wirtschaftssystems offenbart sich in verschiedenen Lebensbereichen. In der Folge skizzieren wir einige der grundlegendsten ökologischen und sozio-ökonomischen Probleme.

Ökologische Probleme. Bis jetzt gibt es weder auf globaler noch auf nationaler Ebene eine absolute Entkopplung zwischen Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch, vielmehr nimmt der Ressourcenverbrauch weiter zu3-6. Erst die gegenwärtige Pandemie und das damit einhergehende negative Wachstum führte zur Reduktion des Ressourcenverbrauchs, sowie zur Reduktion der Treibhausgasemissionen, in einem Ausmass, wie es annähernd für die Erreichung des 1.5°C Ziels notwendig wäre1,7. Diese Reduktion ist jedoch von temporärer Natur. Mit Rückkehr des Wachstums werden auch die Emissionen und der Ressourcenverbrauch wieder ansteigen7.

Eine Reduktion dieser Umweltauswirkungen ist dringend notwendig, um den Klimawandel zu stoppen, eine weitere Degradierung von Ökosystemen zu verhindern und die Handlungsspielräume und Freiheiten von zukünftigen Generationen nicht noch weiter einzuschränken. 

Sozio-ökonomische Probleme. Viele Studien zeigen auf, dass mehr Wachstum im Globalen Norden nicht zu einem höheren Wohlergehen innerhalb der Bevölkerung führt8 und zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse nicht mehr notwendig ist9,10. Die COVID-19-Krise verdeutlicht vielmehr, was innerhalb einer Gesellschaft gestärkt werden muss, um ein langfristiges Wohlbefinden zu gewährleisten: Solidarität, Kooperation und zwischenmenschliche Beziehungen, ein gutes Gesundheitssystem, systemrelevante Berufe, Sorgearbeit, und eine gerechte Einkommens- und Vermögensverteilung9,11-13.

In der COVID-19-Krise wird zudem einmal mehr die Wachstumsabhängigkeit unseres Wirtschaftssystems deutlich14. Bleibt Wirtschaftswachstum aus, gerät die Wirtschaft in eine Negativspirale und damit in eine Krise. Mehr Menschen werden arbeitslos und die Finanzierung der Sozialwerke sowie des Staatshaushaltes gerät in Schieflage. Somit ist das heutige Wirtschaftssystem instabil und ohne Antwort auf ausbleibendes Wachstum15. Ein funktionierendes Wirtschaftssystem muss allen, unabhängig von weiterem Wirtschaftswachstum, ein gutes Leben ermöglichen können.

3. Die Verantwortung der Wissenschaft

Doch die COVID-19-Krise verdeutlicht nicht nur die Probleme des aktuellen Systems. Sie macht auch das vorhandene Potenzial für zukunftsweisende Alternativen sichtbar und ist Anstoss für Veränderung. Hier kommt die Wissenschaft ins Spiel: Sie sollte durch eine fundierte Auseinandersetzung mit den angesprochenen Problemen Lösungsansätze ausarbeiten, die zu einer Transformation unseres Wirtschaftssystems beitragen. Und sie sollte bestehende Ideen aufnehmen und weiterdenken. 

Dieser Anspruch auf gesellschaftliche Relevanz entspricht dem offiziellen Selbstverständnis der ETH: “Die ETH richtet ihre Aktivitäten konsequent auf die Bedürfnisse von Mensch, Natur und Gesellschaft aus.”16 Sie anerkennt damit, dass sich Wissenschaft auch an ihren Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit messen lassen muss. Im öffentlichen sowie akademischen Diskurs werden Politische Ökologie und Postwachstumsökonomie immer bedeutsamer17. Beispielhaft zeigt sich dies an einem offenen Brief an das Europaparlament, in dem sich über 200 Wissenschaftler*innen für eine Postwachstumsökonomie aussprechen. Verschiedene Universitäten haben auf die wachsende Bedeutung dieser Disziplinen reagiert: So hat zum Beispiel die Universität Kopenhagen 2017 eine Professur zu politischer Ökologie ins Leben gerufen. An der Universität Lausanne gibt es seit Kurzem eine Professur zu ökologischer Ökonomik, die sich stark mit Themen zu Postwachstum auseinandersetzt. Die ETH und das D-USYS sollten mit einer gesellschaftlich relevanten und zukunftsorientierten Lehre und Forschung zu dieser Debatte beitragen, um den Anschluss an die Bereiche der Spitzenforschung nicht zu verlieren.

4. Die Verantwortung des D-USYS

Das D-USYS, welches sich als Departement mit Umweltsystemen und ihrer Bedeutung für den Menschen auseinandersetzt, bietet eine gute Möglichkeit, Postwachstum und Politische Ökologie in die ETH einzubringen. Dies liegt daran, dass es Überschneidungspunkte zwischen der Postwachstumsökonomie, der Politischen Ökologie und allen Forschungsschwerpunkten des D-USYS gibt. So erforscht die Postwachstumsökonomik Formen des klimaverträglichen Wirtschaftens, die nachhaltige Ressourcennutzung und Ernährungssicherheit miteinander vereinbaren können. Die Politische Ökologie beschäftigt sich unter anderem mit der ungleichen Verteilung von Ressourcen und Macht, zum Beispiel innerhalb unseres Ernährungssystems aber auch in Bezug auf Umwelt- und Klimagerechtigkeit. Beide Forschungsgebiete beschäftigen sich mit der Frage, wie eine Gesellschaft aussehen kann, welche innerhalb der ökologischen Grenzen ein gutes Leben für alle Menschen weltweit ermöglicht. Im Departement und an der ETH insgesamt  sind sie jedoch beide untervertreten, beziehungsweise nicht existent. Um die Forschung und Lehre grundlegend und nachhaltig zu verändern und an die heutigen Herausforderungen anzupassen, fordern wir nicht nur eine Vorlesung oder ein Forschungsprojekt, sondern zwei neue Professuren, welche diese Themen langfristig an der ETH verankern. 

Wir hoffen, dass unsere Forderungen in künftigen Personalentscheidungen umgesetzt werden. Das D-USYS kann hiermit einen positiven Beitrag zur Bewältigung der aktuellen Krisen, allen voran der Gesundheits-, Biodiversitäts- und Klimakrise, leisten. 

Wir freuen uns auf Ihre Antwort und bieten uns für ein Gespräch an.

Mit freundlichen Grüßen,

Verfasser*innen
Annabelle Ehmann, Levin Koller, Lorenz Keyßer, Lukas Guyer, Veronika Schick

Quellen

1.    Lenzen, M. et al. Global socio-economic losses and environmental gains from the Coronavirus pandemic. PLOS ONE 15, e0235654 (2020).

2.    Blundell, R., Dias, M. C., Joyce, R. & Xu, X. COVID-19 and Inequalities*. Fiscal Studies 41, 291–319 (2020).

3.    Haberl, H. et al. A systematic review of the evidence on decoupling of GDP, resource use and GHG emissions, part II: synthesizing the insights. Environ. Res. Lett. (2020) doi:10.1088/1748-9326/ab842a.

4.    Wiedenhofer, D. et al. A systematic review of the evidence on decoupling of GDP, resource use and GHG emissions, part I: bibliometric and conceptual mapping. Environ. Res. Lett. (2020) doi:10.1088/1748-9326/ab8429.

5.    Parrique, T. et al. Decoupling debunked: Evidence and arguments against green growth as a sole strategy for sustainability. 41 eeb.org/library/decoupling-debunked (2019).

6.    Hickel, J. & Kallis, G. Is Green Growth Possible? New Political Economy 0, 1–18 (2019).

7.    Le Quéré, C. et al. Temporary reduction in daily global CO 2 emissions during the COVID-19 forced confinement. Nat. Clim. Chang. 1–7 (2020) doi:10.1038/s41558-020-0797-x.

8.    Fanning, A. L. & O’Neill, D. W. The Wellbeing–Consumption paradox: Happiness, health, income, and carbon emissions in growing versus non-growing economies. Journal of Cleaner Production 212, 810–821 (2019).

9.    O’Neill, D. W., Fanning, A. L., Lamb, W. F. & Steinberger, J. K. A good life for all within planetary boundaries. Nature Sustainability 1, 88–95 (2018).

10.   Hickel, J. Is it possible to achieve a good life for all within planetary boundaries? Third World Quarterly 1–17 (2018) doi:10.1080/01436597.2018.1535895.

11.   Kallis, G. et al. Research On Degrowth. Annual Review of Environment and Resources 43, 291–316 (2018).

12.   Wilkinson, R. G. & Pickett, K. E. Income Inequality and Social Dysfunction. Annual Review of Sociology 35, 493–511 (2009).

13.   Steinberger, J. K., Lamb, W. F. & Sakai, M. Your money or your life? The carbon-development paradox. Environ. Res. Lett. 15, 044016 (2020).

14.   Blauwhof, F. B. Overcoming accumulation: Is a capitalist steady-state economy possible? Ecological Economics 84, 254–261 (2012).

15.   Wiedmann, T., Lenzen, M., Keyßer, L. T. & Steinberger, J. K. Scientists’ warning on affluence. Nature Communications 11, 3107 (2020).

16.   Schulleitung der ETH Zürich (Version 1997, Stand Februar 2014). Leitbild. Abgerufen 10. September 2020, von https://ethz.ch/de/die-eth-zuerich/portraet/selbstverstaendnis-und-werte/leitbild.html

17.   OECD. Beyond Growth: Towards a New Economic Approach. New Approaches to Economic Challenges. OECD Publishing (2020) doi: 10.1787/a6a5f2eb-en.

Kontakt

Erstelle deine Website auf WordPress.com
Jetzt starten